Was kann die neue Avatar-Serie von Netflix?

Von Luftbändigern, Himmelsbisons und Kohlköpfen: Ich mag die neue Avatar-Serie! Hin und wieder quäle ich meinen geschundenen Körper zum Fußball und frage mich jedes Mal: Warum tust du dir das überhaupt noch an? Mit Mitte 30 bin ich eigentlich gar nicht so alt. Schließlich liege ich noch ein gutes Stück unter dem deutschlandweiten Altersdurchschnitt von 44,6 Jahren. Jung fühle ich mich aber nicht. Die Knochen wollen nicht mehr und jeden Morgen werfen sadistische Götter eine Münze, ob mein Rücken einen guten Tag hat oder mir Schmerzen durchs Nervensystem jagen möchte. Ein verlorenes Haar unterm Kissen reicht für einen verspannten Nacken.

Autor: Alper K. Turfan

 

Jeder Generation ihre Serie

Genug geheult. Jedes Mal wenn ich versuche, mit der Gen Z mitzuhalten, und mit jüngeren Leuten über Lieblingsserien spreche, fällt mir auf: Jede Generation hat ihre Serien. Nirgendwo ist das auffälliger als bei Star Wars. Nehmen Sie „The Clone Wars“ als Beispiel: Während ich noch mit der Originaltrilogie aufgewachsen bin und in meiner Jugend Episode I bis III verfolgte, begeisterte viele erst die computeranimierte Zeichentrickserie von der weit, weit entfernten Galaxis. Oder Die Pfefferkörner: Als die Serie ihre Glanzzeit hatte, war ich schon fast in der Pubertät. Von der Existenz dieser Serie habe ich erst vor ein paar Jahren erfahren. Es gibt aber auch eine sagenumwobene Serie, die so etwas wie der Heilige Gral für die jüngere Generation ist. Die eine Serie, bei der sich alle sicher sind: Dieses Werk ist etwas ganz Besonderes und wird jeden Test der Zeit bestehen. Avatar. Nein, nicht die blauen Wesen auf dem fernen Mond Pandora, sondern die Zeichentrickserie, die von 2005 bis 2008 auf Nickelodeon lief und den Kids zeigte, was eine Serie sein kann.

Avatar – fiktive Welt in vier Nationen

Avatar hat mittlerweile eine eingeschworene Fangemeinschaft, die felsenfest zu dieser Serie hält. Darin geht es um eine fiktive Welt, in der es vier Nationen gibt: das Erdkönigreich, die Luftnomaden, die Wasserstämme und die Feuernationen. Unter ihnen gibt es Bändiger, die das jeweilige Element kontrollieren und sogar als Waffen anwenden können. Zwischen diesen vier Nationen herrscht lange Frieden, da in einem ewigen Zyklus immer wieder ein Avatar geboren wird, ein Mensch, der alle vier Elemente bändigen kann und die Welt im Gleichgewicht hält. Der neue Avatar ist ein Junge namens Aang. Als er durch ein tragisches Ereignis für einhundert Jahre im Eis verschlossen wird, greift die Feuernation die anderen Länder an und ein blutiger, langer Krieg nimmt seinen Lauf.

Lobeshymnen gerechtfertigt?

Immer wieder posaunen eingefleischte Avatar-Fans ihre Lobeshymnen ins Netz. Die Welt von Avatar sei vielfältig und komplex, die Figuren entwickeln sich angeblich in die unerwartetsten Richtungen und die Serie sei immer spannend, berührend und unterhaltsam. Gelobt wird auch immer wieder, wie authentisch und detailreich die ostasiatischen Einflüsse eingewoben seien. Vor ein paar Jahren beschloss ich meiner Neugier nachzugehen. How do you do, fellow kids? Ich war zwar fast zwanzig Jahre zu spät, aber genau wie The Clone Wars zuvor holte ich die Serie als Erwachsener nach. Schnell stellte ich fest… Verdammt, die Fans haben Recht! Was für eine großartige Serie.

Erde, Wasser, Luft… und teuer!

Dementsprechend war meine Erwartungshaltung hoch, als Netflix verkündete, die beliebte Kultserie als Realverfilmung neu aufzulegen. Immerhin: Die Anime-Adaption „One Piece“ hat Netflix nicht verbockt. Es gab also Grund zur Hoffnung. Für Avatar griff der Streaming-Gigant tief in die Brieftasche und butterte 125 Millionen US-Dollar in die Chose. Dabei spielt kaum ein bekannter Star mit, der eine hohe Gage bekommen haben dürfte. Der Cast ist gänzlich unbekannt. Doch zunächst sah alles nach einem weiteren Netflix-Debakel aus: Die Showrunner des Originals, Bryan Konietzko und Michael Dante DiMartino, trennten sich früh von dem Projekt, aufgrund „kreativer Differenzen“. Darauf folgten Gerüchte, dass Netflix einige grundlegende Änderungen vornahm und so kam Fans die wohl furchtbarste aller Erinnerungen in den Sinn: Der gescholtene Star-Regisseur M. Night Shyamalan hatte 2010 den Stoff mal zu einem Film verwurschtelt. Hätte es seinen Film im Mittelalter gegeben, hätte man ihn zur Folter eingesetzt.

Meine neue Liebe – die Avatar-Serie

Mittlerweile ist die Netflix-Serie erschienen. Natürlich habe ich sie mir sofort angesehen… und siehe da: Sie respektiert das Original und macht großen Serienspaß!Klar, nicht alle Fans sind begeistert. Die Realserie fasst riesige Handlungsstränge zusammen und hat einiges ausgelassen. Aber das musste sie ja auch! Hätte sie sich eins zu eins am Original bedient, hätte die Laufzeit jeglichen Rahmen gesprengt und ehrlich… Dann hätten wir sie doch auch gar nicht erst gebraucht. Zugegeben, man merkt dem Cast an, dass er nicht besonders erfahren ist. Das Schauspiel wirkt in so manchen Momenten hölzern. Dafür ist die Serie deutlich düsterer und erwachsener als das Original und das ergibt ja auch Sinn: Die meisten Avatar-Fans sind schließlich mittlerweile erwachsen.

Guter Einstieg ins Avatar-Imperium

Aber gerade die Nicht-Fans dürften mit dieser Serie auf ihre Kosten kommen: Das schwindelerregende Budget merkt man der Serie in den Computereffekten an: Avatar ist bildgewaltig. Man mag über die Kostüme und Perücken streiten, doch sieht die Welt fantastisch und lebendig aus. Selbst Appa, Aangs riesigem fliegenden Himmelsbison, ist der Sprung in die Live-Action geglückt. Das hätte deutlich schlimmer aussehen können! So kann ich die Serie auch Freunden für den perfekten Einstieg ins Avatar-Universum empfehlen, wem die Animationsserie gerade in der ersten Staffel zu kindlich ist. Die Netflix-Serie ist mit viel Liebe zum Detail umgesetzt worden und dafür verdient der Showrunner Albert Kim großes Lob.

Wisst ihr was? Ich… mag diese Version… mehr als die Zeichentrickserie. So, ich hab’s gesagt. Bitte köpft mich nicht, Avatar-Fans. Majestätsbeleidigung, ich weiß, beruhigt euch. Aber wissen Sie, was das bedeutet, oder? Jetzt muss ich als nächstes noch „Die Pfefferkörner“ nachholen. Moment, wie viele Folgen gibt’s davon? 247?!

Puh, vielleicht warte ich doch noch damit, bis ich in Rente bin. Dann nimmt’s mir auch niemand übel, dass ich mich über mein Alter beschwere.

In diesem Video spreche ich ganz ausführlich über die Serie Avatar:

Bilder: Alper K. Turfan

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