Nach dem Abi in die Welt

Auf Entdeckungsreise: Viele junge Menschen gönnen sich nach dem Abitur ein Gap-Year. Ob Work and Travel, Freiwilligendienst oder Auslandspraktikum – was diese Auszeit bringt und worauf Eltern bei Planung, Finanzierung und Versicherungen achten sollten.

Text: Katja Stricker

Raus aus der Schule, rein ins Leben: Für viele junge Menschen ist das heute selbstverständlich. Auch Juli Frank nimmt sich nach dem Abitur Zeit, statt direkt ein Studium zu beginnen. Sie verbringt gerade ihr Pausenjahr in Tokio. Die Idee entstand nicht über Nacht. „Ich hatte schon zu Hause angefangen, Japanisch zu lernen – einfach aus Neugier auf eine neue, ganz besondere Sprache“, erzählt die 18-Jährige. Mit der Zeit wuchs daraus das Interesse an der Kultur, am Essen und an der Natur des Landes. Irgendwann lag Japan als Ziel für ihr Gap-Year einfach nahe.

Europa ist die beliebteste Destination für junge Entdecker.

Frank entschied sich, Work and Travel mit einem Sprachkurs zu kombinieren. „Ich arbeite im Service bei einer Sumo­Show für Touristen, scanne Tickets, verkaufe Getränke und helfe beim Ablauf der Show“, berichtet sie. Die Schichten seien meistens vormittags, manchmal auch abends, „danach treffe ich Freunde, gehe essen oder lerne Japanisch“.

Zeit zur Orientierung

Ein Gap-Year nach dem Schulabschluss ist längst Teil veränderter Bildungs- und Lebensläufe. Es bietet Raum für Selbstständigkeit, Erfahrungen und persönliche Entwicklung. Eltern stellen sich Fragen: Welche Möglichkeiten gibt es? Wie sicher ist das? Wie viel kostet es, und was bringt es langfristig?

Die gängigsten Varianten sind Work and Travel, Freiwilligendienste, Auslandspraktika sowie Au-pair-Aufenthalte. Europa ist insgesamt die meistgewählte Zielregion für längere Auslandsaufenthalte, bei bestimmten Programmen wie Work and Travel und Freiwilligenarbeit dominieren allerdings andere Kontinente (siehe Grafik).

Formen der Auszeit

Freiwilligendienste sprechen vor allem junge Menschen an, die sich sozial, ökologisch oder kulturell engagieren möchten. Die Einsatzfelder reichen von Bildungs- und Sozialprojekten bis zum Naturschutz. Häufige Ziele sind Afrika, Asien und Lateinamerika. Geförderte Programme wie Weltwärts, Kulturweit, der Internationale Jugendfreiwilligendienst oder das Europäische Solidaritätskorps bieten feste Strukturen, pädagogische Begleitung und finanzielle Unterstützung.

Auslandspraktika ermöglichen berufliche Orientierung und finden meist in Europa statt, häufig gefördert durch Programme wie Erasmus+. Sie eignen sich besonders für junge Menschen mit klaren fachlichen Interessen.

Arbeiten in Dow Under

Work and Travel kombiniert Reisen und Arbeiten. Beliebt sind Länder mit Working-Holiday-Visa wie Australien und Neuseeland, aber auch Japan. Viele junge Menschen finanzieren sich den Aufenthalt durch Jobs und reisen im Anschluss. Für Juli Frank war diese Kombination entscheidend: „Ich kann in Tokio leben, arbeiten, Geld sparen, und am Ende meiner Auszeit möchte ich noch einen Monat durchs Land reisen.“

Bei Work-and-Travel-Tätigkeiten wie der Arbeit auf einer Farm oder als Erntehelfer dominieren Länder wie Australien, Neuseeland und Japan.

Au-pair-Aufenthalte verlieren dagegen an Bedeutung. Zwar bieten sie weiterhin kulturelle Einblicke, doch strengere Anforderungen und veränderte Interessen lassen die Nachfrage sinken.

Welche Form der Auszeit sinnvoll ist, hängt von Persönlichkeit, Reife und Erwartungen ab. Strukturierte Programme mit Begleitung eignen sich für junge Menschen, die feste Rahmenbedingungen schätzen. Selbst organisierte Aufenthalte wie Work and Travel erfordern mehr Eigeninitiative, Flexibilität und Organisationstalent. In jedem Fall gilt: frühzeitig planen, idealerweise ein Jahr im Voraus, insbesondere wegen Visa, Impfungen und Bewerbungsfristen.

Seriösen Anbieter wählen

Bei der Wahl des Anbieters sollten Eltern genau hinschauen: Gibt es eine fundierte Vorbereitung? Werden Ansprechpartner vor Ort benannt? Sind Leistungen, Kosten und Versicherungen transparent? Moritz Osswald, Sprecher des entwicklungspolitischen Freiwilligendienstes Weltwärts, sagt: „Ein Warnsignal ist die fehlende Vorbereitung. Ein längerer Aufenthalt in einer fremden Kultur kann überfordern. Deshalb ist eine pädagogische Begleitung enorm wichtig, und die beginnt bereits vor der Ausreise, beispielsweise mit entsprechenden Seminaren.“

Rom entdecken und dort auch noch ein Praktikum machen – wer kann da nein sagen?

Die Kosten eines Gap-Years variieren stark. Geförderte Freiwilligendienste sind für Familien meist gut kalkulierbar, da Unterkunft, Verpflegung, Versicherung und Teile der Reisekosten übernommen werden. Bei nicht geförderten Aufenthalten – etwa Work and Travel oder Auslandspraktika – müssen Familien je nach Dauer und Zielland mit mehreren Tausend Euro rechnen: für Programmkosten, Flug, Lebenshaltungskosten, Versicherungen, Visa und eventuelle Sprachkurse.

Das Kindergeld kann grundsätzlich bis zum 25. Lebensjahr weitergezahlt werden, wenn sich der Nachwuchs in Ausbildung oder Studium befindet, einen anerkannten Freiwilligendienst leistet oder nach einem Studien- oder Ausbildungsplatz sucht. Zudem wird es für Übergangszeiten von bis zu vier Monaten nach dem Schulabschluss gezahlt.

Reine Work-and-Travel-Aufenthalte ohne Bildungsbezug führen in der Regel zum Wegfall des Anspruchs. Eine frühzeitige Klärung mit der Familienkasse ist empfehlenswert. Wer außerhalb Europas unterwegs ist, sollte zudem eine Auslandskrankenversicherung abschließen, sofern sie nicht im Programm enthalten ist.

Mehr als eine Pause

Ein Gap-Year wirkt oft weit über die eigentliche Reisezeit hinaus. Moritz Osswald betont: „Ein längerfristiger Aufenthalt im Ausland, etwa nach dem Abitur, kann jungen Menschen viele Türen für ihre spätere berufliche Laufbahn öffnen.“ Der Umgang mit Herausforderungen, Sprachbarrieren und kulturellen Unterschieden stärke die Resilienz und Problemlösungsfähigkeit. „Das sind Charaktereigenschaften und Soft Skills, die Arbeitgeber heutzutage sehr schätzen“, so Osswald.

Auch Jobs in der Gastronomie sind gefragt.

Was eine Auszeit im Ausland für die persönliche Entwicklung bedeutet, erzählt Juli Frank: „Ich lebe das erste Mal allein, und das in einer fremden Kultur.“ Überrascht habe sie, wie schnell sie Anschluss gefunden habe. „Vor allem durch den Sprachkurs habe ich viele neue Freunde kennengelernt“, sagt sie. Was sie aus ihrem Jahr mitnimmt? „Ich bin selbstständiger geworden und habe viele Herausforderungen des Alltags selbst gemeistert“, so Frank. Ein Gap-Year ist kein Umweg, sondern – gut vorbereitet – eine wertvolle Investition.

 

Wegweiser fürs Gap-Year

Hier finden Sie weiter­führende Informationen.

Überblick und Beratung:
www.rausvonzuhaus.de
www.daad.de
www.weltweiser.de

Freiwilligendienste:
www.weltwaerts.de
www.kulturweit.de

Work and Travel:
www.travelworks.de
www.aifs.de
www.wayers.com/de

Fotos: Adobe Stock, iStockphoto; Illustration: freepik.com 

 

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