Influencer kann jeder: Wir stellen Ihnen außergewöhnliche Ausbildungswege vor und porträtieren die Menschen dahinter. In der zweite Folge von „Mein Job und ich“ erzählt die Lena, warum sie ihre Ausbildung zur Schornsteinfegerin noch nie bereut hat.
Autor: Thilo Weinert
„Ich war mir ganz klar: Denselben Beruf wie mein Vater möchte ich nicht ergreifen, es muss auf jeden Fall etwas anderes sein.“ In der gymnasialen Mittelstufe wusste Lena Minartz aus Alsdorf bei Aachen (Nordrhein-Westfalen) zumindest, was sie nicht wollte: Schornsteinfegerin werden. Aber erstens kommt es anders, und zweitens, als man denkt. Just, als in der Schule das berufsvorbereitende BOGY-Praktikum anstand, schwappte die Corona-Welle übers Land. Inhouse-Tätigkeiten kamen daher schon mal nicht in Frage. Um in dieser vertrackten Situation überhaupt etwas machen zu können, entschied sich Lena dann doch dafür, diesem traditionsreichen Handwerk eine Woche lang „über die Schulter zu schauen“.
„Notlösung“ entpuppt sich als Trumpfkarte
Einmal da, stellte sie fest, wie schön und vielseitig dieser Beruf sein kann. Kaminkehrer war gestern: „Wir waren viel draußen unterwegs. Besonders gefiel mir der Kundenkontakt. Die Beratung und die Beschäftigung mit moderner Klimatechnik machte mir Spaß.“ Kurzum: Es war um Lena geschehen. Nach dem Abi bewarb sie sich für eine entsprechende Ausbildungsstelle und hat dies nicht bereut. Vor wenigen Wochen – Gratulation! – absolvierte sie erfolgreich die Gesellenprüfung. Um ihre berufliche Zukunft muss sich die 21-jährige keine Sorgen machen: „Weil zufällig eine Stelle frei wurde, da sich ein Mitarbeiter selbständig gemacht hat, konnte ich sogar im Betrieb meines Vaters einsteigen. Aber ich hätte auch problemlos woanders eine Stelle gefunden“, weiß Minartz.
Handwerk im Wandel
„Das Berufsbild hat sich total modernisiert.“
„Das wundert mich nicht“ bestätigt Simon Overtus, selbständiger Schornsteinfegermeister und Gebäudeenergieberater in Stolberg sowie Ausbildungswart bei der Innung in Aachen: „Unser Beruf hat seine Wurzeln zwar im Mittelalter, als es um die Feuerstellensicherung in den dicht besiedelten Städten ging. Wir sorgten dafür, dass keine Brände ausbrachen und werden seither gerne als Glücksbringer gesehen. Aber das Berufsbild hat sich total modernisiert und dynamisiert.“ Gefragt sei heute nicht in erster Linie der „Zirkuskünstler auf dem Dach“, obwohl dort natürlich auch noch gearbeitet werde: „Neben der Wartung und Prüfung von Lüftungs- und Heizungsanlagen rücken immer mehr Aspekte der Energieberatung in den Vordergrund. Man braucht uns, wenn es darum geht, den Wandel von den fossilen Brennstoffen hin zu klimaneutralen Systemen zu begleiten und voranzubringen. Ohne unsere Kenntnisse und Beratung, auch im Komplex der Fördermittel, kommt man hier nicht aus.“
Die Klimawende-Manager
„Wir realisieren die Klimawende bereits, und zwar operativ!“
Mit einem Augenzwinkern ergänzt Overtus: „Fridays for Future – das sind eigentlich wir, aber wir sind noch einen Schritt weiter. Denn wir realisieren die Klimawende bereits, und zwar operativ!“ Das ist sicher auch ein Grund, dass dieses historische Handwerk – nicht zuletzt auch bei umweltbewussten jungen Menschen – kräftigen Aufwind verspürt. Schornsteinfeger ist zwar kein Homeoffice-Job, aber das Handwerk hat andere Annehmlichkeiten. Das viele Draußensein an der frischen Luft, der tägliche Kundenkontakt, aber auch die sehr gute Organisierbarkeit in Teilzeit gehören dazu. „Schornsteinfeger managen ihren Terminplan in der Regel selbst“, erklärt Overtus, „so viel zum Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf.“
Lena bringt Glück

„Natürlich arbeiten wir nicht mehr alle immer im so genannten „Koller“, der typischen schwarzen Kluft mit Zylinder“, ergänzt Minartz. „Ich mache das aber ab und zu schon gerne. Allein, weil sich die Leute freuen, wenn sie mich sehen und sich dann sicher sind: Das bringt mir Glück! Das freut mich dann auch.“ Dass sie als Frau in diesem Beruf noch zur Minderheit zählt, stört sie nicht: „Erstens ändert sich das schrittweise und zweitens haben wir ein so großartiges Miteinander der Kolleginnen und Kollegen, das macht einfach Spaß.“ Bei Hochzeiten laufen bis zum 15 Schornsteinfegerinnen und -feger gemeinsam im Koller auf: „Wir wollen ja Glück bringen…!“
Schornsteinfeger – so geht´s:
Die Ausbildungsordnung für diesen Beruf wurde zum 1. August 2025 neu ausgerichtet. Neben den klassischen Aufgaben ist dabei insbesondere das Thema Beratung gestärkt worden, gerade auch mit Fokus Klimaschutz. Wer sich für diesen zukunftsträchtigen Beruf interessiert, sollte grundsätzlich schwindelfrei und idealerweise auch etwas sportlich sein. Vorteile hat, wer sich auch in engen Raumverhältnissen leicht bewegen kann. Hilfreich sind darüber hinaus gute Kenntnisse in naturwissenschaftlichen Fächern wie Mathematik und Physik sowie Freude am Kontakt mit Menschen. Das Schornsteinfeger-Handwerk ist in regional aufgestellten Innungen organsiert, die auch als Erstansprechpartner für Berufsinteressierte fungieren. Für Praktika kann man örtliche Schornsteinfeger-Betriebe oder Energieberatungsunternehmen kontaktieren, bei denen ausgebildete Schornsteinfeger auch sehr häufig tätig sind. Mehr Infos finden Sie auch bei der Bundesagentur für Arbeit.
Bilder: Lena Minartz
