Serienreife: Der Fluch von House of the Dragon

Manchmal platzen Träumer schneller als Karrieren so mancher amerikanischer Late-Night-Hosts, wenn sie Donald Trump kritisieren. Ganz so schlimm erging es mir nicht vor ein paar Tagen, doch der 23. Juli sollte eigentlich der beste Tag des Jahres für mich werden. Für diesen besonderen Tag hatte ich alter Game-of-Thrones-Fanboy Tickets für ein Theaterstück zur Vorgeschichte der Welt von Eis und Feuer ergattert. Dieses Stück mit dem Namen „The Mad King“ wird von vielen Fans seit etwa fünf Jahren heiß erwartet.

Autor: Alper K. Turfan

Es wird auch nicht von irgendeiner Theatergruppe hingerotzt, um die berühmte Cash-Cow zu melken, nein, dieses Stück wird vom Originalautor George R. R. Martin höchstpersönlich produziert, und zwar im weltberühmten Royal Shakespeare Theatre in Stratford-upon-Avon, dem Geburtsort von William Shakespeare in der Nähe von Birmingham. Doch wenige Wochen vor dem Termin wurden die ersten Vorführungen abgesagt. Ich hatte aber Glück: Meine Vorführung war gerade so nicht betroffen! Martins Projekte sind bekanntermaßen so verflucht wie die Burg Harrenhal in den Flusslanden. Doch war ich dem Fluch entkommen?

Zwar tat es mir für die Fans leid, die teilweise aus fernsten Ecken wie Australien, Südamerika oder Essos angereist waren, aber per E-Mail versicherte man, dass keine weiteren Vorführungen ausfallen würden. Da wäre sich die Theaterleitung sicher. Hach, was für ein naives Sommerkind ich doch war…

Nur einen Tag vor meiner Abreise wurden alle Vorführungen in der ersten Woche gecancelt und in der kurzen Zeit, die wir in England verweilen sollten, würde es keine weiteren Aufführungen mehr geben. Ein Grund wurde nicht genannt. (Später wurde sogar die erste Aufführung noch einmal abgesagt und das nur wenige Stunden vor Aufführung. Die ersten Gäste standen bereits im Foyer!) Natürlich hatte ich bereits eingecheckt und natürlich hatte ich „Überspringen“ geklickt, als mir die Airline eine Reiserücktrittsversicherung und Stornierungsmöglichkeiten andrehen wollte. Es gab also keinen Weg zurück.

Mir kam zwar der Wikipedia-Artikel über sogenannte „Versunkene Kosten“ in den Sinn, doch packte ich mein Handgepäck und reiste in das Land, das noch vor kurzem der EU den Rücken zugekehrt hatte. Nun sitze ich in einem Café im gescholtenen Birmingham, dem Köln Englands, nur ohne den Dom, dafür mit ganz viel industrieller Schornsteinromantik und Erinnerungen an jeder Ecke daran, dass Ozzy Osbourne und die Peaky Blinders von hier stammen. Gestern traf ich Robert, einen befreundeten YouTuber, der ebenfalls nerdigen Nischen-Content produziert und aus der Gegend kommt. Er trägt denselben Namen wie der Hüne, der im Theaterstück The Mad King eine Rebellion anzettelt.

Robert und ich lernten uns übers Internet kennen und trafen uns zum ersten Mal persönlich. Wenig überraschend kamen wir auf das Thema britische Serien zu sprechen. Er empfahl mir eine Sitcom namens „Gavin and Stacey“, die zwar schon einige Jahre auf dem Buckel hat, aber in England noch immer größten Kultstatus genieße. Sie sei die Wohlfühlserie aller Brits und stamme noch aus einer Zeit, in der James Corden nicht als der nervigste aller amerikanischen Late-Night-Hosts bekannt war.

Ich hingegen empfahl ihm eine der witzigsten Serien, die ich je gesehen habe: „Peep Show“. Sie ist zwar auch schon älter und sah auch schon zu ihrer Glanzzeit aus, als hätte sie jemand mit einer gekeimten Kartoffel gefilmt, doch ist sie noch immer brillant geschrieben und außergewöhnlich gefilmt, oft aus der POV-Perspektive. Außerdem ist die bezaubernde Olivia Coleman mit der Serie berühmt geworden! Robert kannte sie bereits in- und auswendig. Einem Briten Peep Show zu empfehlen, ist als würde man einem Deutschen Babylon Berlin oder Stromberg als Geheimtipp verkaufen wollen.

Er scherzte, Peep Show sei wie Birmingham oder der Versuch, endlich The Mad King zu sehen: Ihre Schönheit müsse man sich erarbeiten.

Den Kurztrip habe ich nicht bereut. Danke, Robert!

Bilder: Alper K. Turfan

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